Männer weinen nicht – aber warum?

Vor ein paar Wochen ist mir das Lied „Männer weinen nicht“ von Adesse ft. Sido untergekommen. Zuerst sind meine Gedanken in die Richtung gegangen, ja, das war früher so und hat sich Gott sei Dank geändert. Ich dachte mir, es ist schön, dass es uns Männern endlich erlaubt ist, Gefühle zu zeigen, nicht nur Freude, Liebe und Glück sondern auch Trauer, Ängste und Schwächen.

Aber ist es wirklich so? Darf man das als Mann heutzutage tatsächlich? Umso öfter ich dieses Lied gehört habe umso öfters ist mir klar geworden, dass es gesellschaftlich noch immer nicht anerkannt ist, wenn ein Mann Gefühle zeigt. Erst vor kurzem war ich in dieser Situation, in der ich über diese Thematik geredet habe und mitten in dem Lied ist mir schmerzhaft bewusst geworden, dass es nicht so ist. (An dieser Stelle, danke Sarah für den „Arschtritt“) Wir verwenden noch immer Formulierung im Umgang mit Burschen,  wie: „Komm hör auf zu weinen, bist ja kein Mädchen“ oder ein „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ oder der Klassiker schlecht hin „Ist ja alles halb so wild“.

Jetzt versetzen wir uns mal in einen Jungen. Dieser Junge verspürt gerade aus irgendeinem Grund ein Gefühl, das dazu führt, dass er weint. In diesem Moment ist es für dieses Kind schlimm, es tut ihm in diesem Moment weh und ja, er will weinen, auch wenn er ein Junge ist.

Stell dir vor, in dieser Situation bekommt er die oben genannten Klassiker zu hören. Was passiert mit ihm? Er lernt diese Gefühle zu unterdrücken, er lernt, dass es sich nicht gehört Gefühle zu zeigen, schließlich will er ja ein Mann werden. Dieser Junge beginnt seinen Schmerz mit sich selbst auszumachen, ihn in sich hineinzufressen und hört auf zu zeigen, dass es ihm schlecht geht.

Adesse und Sido bringen es mit ihrem Lied auf den Punkt:

denn sie sagten mir:

Männer weinen nicht
Männer weinen nicht
sie schrein den Schmerz in sich hinein,
wie sollt es anders sein
Männer weinen nicht

…,.

Ja wie sollt es anders sein
Männer weinen nicht
Ich mein sie leiden doch sie zeigens nicht, denn eigentlich
denkt ein Mann immer stark zu sein ist seine Pflicht
und wenn er weint verliert er sein Gesicht
Isso
Egal, Männer habens schwer doch nehmens leicht,
solange noch ein bisschen Herz zum überleben bleibt

Die Hülle lacht, doch die Seele weint
also lieber Gott steh ihm bei
Auch wenn sie sagen du bist nur der letzte Dreck

Ein echter Mann hört, nimmt es hin, steckt es weg
wenn er weint gibt’s nur eine Antwort: Ich glaube
er hat einfach nur ein Sandkorn im Auge

Und was wenn dieser Junge zum Mann wird?

Viele Männer kappen sich zu ihren Gefühlen ab. Das Abkappen zu den eigenen Gefühlen hat aber große Auswirkungen. Auch Freude, Liebe und andere positiven Gefühle werden somit nicht mehr direkt gespürt. Sie „wissen“ dann, dass das jetzt ein freudiger Moment ist (oder sein sollte). Vielen wird dann attestiert sie seien kalt und nicht mitfühlend. Wie auch, ihm wurde ja beigebracht, dass ein echter Mann nichts fühlt.

Manch ein Mann entscheidet sich nicht nur dazu keine Gefühle zu zeigen, er weiß nicht einmal WAS er fühlt. Es gibt dann in ihm eine komische Sehnsucht, er spürt dass etwas in ihm vorgeht, hat aber keine Ahnung was es ist. Er verliert sich in Alternativen um diese Sehnsucht zu befriedigen. Er sucht seine Erfüllung in der Arbeit, im Alkohol oder anderen Süchten.

Was nun?

Du erkennst deinen Partner oder einen guten Freund darin wieder? Was kannst du tun?

Zuerst einmal, diese Männer haben über Jahre hinweg einen Schutzpanzer aufgebaut und ganz feine Antennen entwickelt, die alles registrieren, was ihren Schutz bedrohen könnten. Zuerst gilt, es zu verstehen, was dazu geführt hat, dass diese Person diesen Panzer aufgebaut hat. Das kann ganz persönliche Gründe haben oder eben genau dieses gesellschaftliche Bild, dass Männer stark sein müssen. Der Versuch diese Person zu knacken ist im Vorhinein zum Scheitern verurteilt. Die Antennen erkennen den Versuch schon vorher, bevor er tatsächlich ausgeführt wird.

Aus meiner Sicht und aus meiner Erfahrung (aus der Erfahrung wie mich Leute geknackt haben) gilt es, diesen Personen offen entgegen zu gehen, es ehrlich als OK zu befinden, dass sie ihren Schutzpanzer haben und einfach von sich selbst etwas zeigen. Aber Achtung, hast du auch nur irgendeine Absicht diese Person zu öffnen, dann unterlasse es gleich. Diese Person wird es spüren. Sei absichtslos und ehrlich und langsam wird sich der Schutzpanzer ein wenig öffnen. Öffnet sich dieser Panzer ein wenig, versuche nicht mehr Druck auszuüben oder eine Absicht zu bekommen. Habe Geduld und bleibe in deiner Absichtslosigkeit und Geduld

Du siehst dich selbst in diesem Muster? Denkst, dass immer stark sein deine Pflicht ist und Schwäche zeigen ist für dich ein NoGo? Du merkst aber auch, dass es dir dabei nicht gut geht… dass du dir sehnlichst wünscht, dass es da jemanden gibt?

Dann stell dir die Frage, wovor hast du Angst? Woher stammt diese Angst? Und ist diese Angst auch heute noch begründet? Hat diese Angst tatsächlich etwas mit deinem Gegenüber zu tun oder hast du eine Erfahrung in der Kindheit gemacht, die dich so agieren lässt?

Ich lade dich ein, probiere dich aus, vertraue dich nahestehenden Menschen an. Gehe Schritt für Schritt und vielleicht machst du die Erfahrung, dass doch nichts schlimmes passiert, wenn du dich öffnest.